Die Enden der Parabel by Thomas Pynchon

Die Enden der Parabel by Thomas Pynchon

Author:Thomas Pynchon
Language: deu
Format: epub
Published: 2013-06-24T16:00:00+00:00


[3.12] "Nah genug dran, Schätzchen."

Wieder in Berlin, als gerade ein heftiges Gewitter über der Stadt tobt. Margherita hat Slothrop zu einem wackligen Holzhaus am Ufer der Spree gebracht, im russischen Sektor. Ein ausgebrannter Königstiger bewacht den Eingang, sein Anstrich versengt, die Raupenkette zerfetzt und von den Zahnkränzen gerissen, das tote 88er-Monstrum geneigt auf den grauen Fluß, zischend und genadelt vom Regen. Innen nisten Fledermäuse in den Dachsparren, modern Reste von Matratzen, sind die Bodenbretter mit Glassplittern und Fledermausscheiße bedeckt und die Fenster zugenagelt, ausgenommen eine Öffnung für das Ofenrohr, das den eingestürzten Kamin ersetzt. Auf einem Schaukelstuhl liegt ein Mantel aus Maulwurfsfellen, eine rauchgraue Wolke. Die Farben eines längst verschollenen Künstlers sind noch in Klecksen auf dem Boden zu erkennen, Tropfenspuren von Fuchsin, Safran und Stahlblau, negative Zerrbilder von Gemälden, deren Verbleib man nicht kennt. Hinten in einer Ecke hängt in einem Rahmen, der mit weißen Vögeln und Blumen bemalt ist, ein fleckiger Spiegel, der Margherita und Slothrop sowie den Regen vor der offenen Tür reflektiert. Ein Teil der Decke, den es weggerissen hat, als der Königstiger krepierte, ist jetzt durch aufgeweichte Papp-Plakate ersetzt, die alle die gleiche Gestalt mit hochgeschlagenem Mantelkragen und tief ins Gesicht gezogenem Hut zeigen, darunter die Unterschrift Achtung! feind hört mit!. An einem halben Dutzend Stellen tropft das Wasser durch.

Greta zündet eine Kerosinlampe an, die das Regenlicht mit einer Handvoll Gelb erwärmt. Slothrop bastelt ein Feuer in den Ofen, während Margherita in den Keller taucht, wo, wie sich herausstellt, ein ganzer Haufen Kartoffeln lagert. Mein Gott, es ist Monate her, daß Slothrop eine leibhaftige Kartoffel zu Gesicht bekommen hat! Und Zwiebeln gibt's in einem Sack und sogar Wein. Margherita kocht, und bald sitzen beide da und mümmeln die Kartoffeln in sich rein. Später, ohne viel Gerede oder Drumherum, ficken sie einander in den Schlaf. Doch nach ein paar Stunden wacht Slothrop wieder auf, liegt da und überlegt, wohin er denn nun soll. Tja, diesen Säure Bummer suchen, sobald der Regen aufhört, und dem Mann sein Haschisch geben. Aber was dann? Slothrop und das S-Gerät und das Jamf/Imipolex-Mysterium sind ihm schon ganz fremd geworden. Er hat wahrhaftig eine ganze Zeit lang nicht an sie gedacht. Hmm, wann zuletzt? An dem Tag, als er mit Säure in dem Cafe saß und diesen Reefer rauchte ... oh, das war doch vorgestern, oder? Regen tropft, dringt in den Boden, und Slothrop spürt, daß er den Verstand verliert. Wenn etwas Tröstliches - Religiöses, wenn man will - in der Paranoia liegt, so gibt es doch auch eine Anti-Paranoia, in der nichts mehr mit irgend etwas anderem verknüpft ist, ein Zustand, den nicht viele von uns lange ertragen. Und genau in diesem Augenblick

fühlt Slothrop, wie er in die anti-paranoische Phase seines Kreislaufs hinübergleitet, wie sich die Stadt um ihn zurückzieht, dächerlos, verletzlich, ohne Zentrum wie er selbst, bis nur noch Pappkartonbilder vom Mithörenden Feind zwischen ihm und dem nassen Himmel übrigbleiben.

Entweder sie haben ihn aus einem bestimmten Grund hierhergeschickt, oder er ist einfach da. Er ist sich nicht so sicher, ob er nicht in Wirklichkeit den Grund vorzöge .



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